Gastbeitrag: Führung auf dem Prüfstand
Am 10. Februar 2026 war Prof. Dr. Boris Kaehler, Professor für Personalmanagement an der Hochschule Merseburg, zu Gast im ULA-Führungskräfte-Dialog. Die Kernaussagen seiner Ausführungen hat er in einem Gastbeitrag für uns gebündelt.
Von Prof. Dr. Boris Kaehler, Autor von „Führen als Beruf„
Der Außendruck steigt. Viele Unternehmen kämpfen mit Krisen, alle mit großen Veränderungen. Nach außen wird zu Recht Bürokratieabbau gefordert und auch intern kommt vieles auf den Prüfstand. Es liegt nahe, dabei auch einmal die Wirksamkeit und Effizienz der eigenen Führungsprozesse zu untersuchen. Das Modell der Komplementären Führung bietet eine gute Grundlage dafür.
Für Führungskräfte ist Führen ein Beruf. Anders als andere Berufe wird er aber kaum ernsthaft als solcher beschrieben. In Literatur, Leitbildern und Managementtrainings dominieren unverbindliche Worthülsen, aktuelle Managementmoden und psychologische Einzelmechanismen. Um hier Fortschritte zu machen, wird man die Führungstätigkeit als Ganzes in den Blick nehmen und tatsächlich handlungsleitend beschreiben müssen. Nur so gelingt es, eine Verbindlichkeit zu etablieren, die dafür sorgt, dass Führungskräfte die Zeit, die für gute Führung faktisch benötigt wird, auch wirklich bekommen – und sich nehmen!
Führungsaufgaben:
Was soll Führung leisten? Personelle Führungsaufgaben zielen auf die Leistungsbedingungen jedes einzelnen Mitarbeiters – Arbeitsinhalte, Qualifikation, Motivation, Gesundheit, Konfliktlösung etc. Bei den strukturellen Führungsaufgaben geht es um jene Regelungen, die diese operative Personalführung vorstrukturieren – Geschäftsstrategien, Organisationsstrukturen, Arbeitsinstrumente. Solche Strukturen gibt es ja nicht nur auf Ebene der Gesamtorganisation, sondern jede einzelne Gruppe, Abteilung usw. hat sie. Die resultierende Aufgabenliste ist umfangreich, aber keineswegs unüberschaubar. Sie konkretisiert, wofür Führung überhaupt zuständig ist und warum.
Führungsrollen:
Wer unter Führung Fremdsteuerung versteht, hat schon verloren. Arbeit ist rein faktisch immer in Teilen Selbststeuerung, und das altbewährte Prinzip, primär auf Selbstführung zu setzen, der Schlüssel zu optimalen Arbeitsergebnissen. Die o.g. Führungsaufgaben erfüllen dann primär die Mitarbeitenden selbst. Da dies aber nun einmal nicht alle, immer und vollumfänglich tun, greift die Führungskraft (nur) bei Selbstführungsdefiziten ein (und zwar bevorzugt sanft). Obere Führungskräfte und HR sichern diese Führungsarbeit in gleicher Weise ab.
Führungsroutinen:
Das alles ist wichtig, aber noch kein tatsächliches Handeln. Es muss also auch Führungsroutinen (= mit Zeit hinterlegbare Aktivitäten) geben, in denen es umgesetzt wird. Diese bilden die eigentliche Führungsarbeit. Gemeint sind nicht nur Regelroutinen wie Teamsitzungen, Einzel-Arbeitsbesprechungen, Sicherheitsbegehungen, jährliche Strategie-Workshops und interne Audits. Es gibt auch Bedarfsroutinen, die nur im Bedarfsfall wahrgenommen werden, aber dennoch sitzen müssen. Dazu zählen z.B. Einstellungsprojekte, Problemgespräche oder Konzeptions-Workshops.
Für die Praxis von Führungskräften bedeutet das zweierlei. Zum einen ermöglicht es, sich ein glasklares Bild von ihrer eigenen Tätigkeit zu machen. Was sind meine Aufgaben? In welchen parallelen Rollen erfülle ich sie für wen? (jede Führungskraft ist ja mindestens auch in der Mitarbeiterrolle gegenüber der eigenen Leitung, viele zusätzlich in der Rolle der oberen Führungskraft) Welche Führungsroutinen müssen in meinem Kalender stehen? Zum anderen sind sie gefordert, ein solches Führungsverständnis in ihrer Organisationseinheit zu etablieren. Wenn Mitarbeitende und ggf. unterstellte Führungskräfte ihre eigenen Rollen nicht kennen, bringt die eigene Rollenklarheit nämlich nur wenig.
Das alles mag ungewohnt vielschichtig sein, ist erfahrungsgemäß aber gut vermittelbar. Nur auf Basis eines so konkrete Berufsverständnisses lässt sich im Umkehrschluss auch entscheiden, was wirksame Führung eben nicht befördert – oder sogar behindert – und daher auf die Streichliste kann.

Hochschule Merseburg