Im Zeitalter des Internets der Dinge kommt es für die Industrie mehr denn je auf Vernetzung und Onlinekompetenz an. Dazu gehört auch die projektbezogene Nutzung von Experten-Know-how. Hier sitzt Dr. Christoph Hardt an der digitalen Schnittstelle: Mit seinem Start-up-Unternehmen COMATCH hat der langjährige McKinsey-Berater einen Onlinemarktplatz für erfahrene Berater und Industrieexperten geschaffen. Im Interview mit dem ULA-Nachrichten spricht Hardt über seinen Weg vom Managementberater zum eigenverantwortlichen Unternehmer und erklärt die Vorzüge seiner neu gefundenen Onlinenische.

ULA-Nachrichten: McKinsey-Berater haben bei vielen Mitarbeitern in der Industrie nicht gerade das beste Image, weil Berater sofort mit Restrukturierungen und Rationalisierungen gleichgesetzt werden. Sind Sie in Ihrer früheren Beratertätigkeit damit konfrontiert worden?

Hardt: McKinsey wird als Bild des Kapitalismus in der Tat häufig herangezogen. In der Realität ist dies nicht ganz richtig. Ich persönlich habe von meinen knapp 30 Projekten nur eines gemacht, bei dem es um Kosteneinsparungen ging. Und dies war 2008 kurz nach der Pleite von Lehman Brothers, als sich wirklich alle Unternehmen Gedanken um Kostenkürzungen machen mussten. Der Rest der Projekte waren also Wachstumsprojekte.

Grundsätzlich hat man als Berater aber immer mit einer gewissen Skepsis zu kämpfen. Auch weil man den Nimbus des „Roboters“ mit sich herumträgt. Die Leute glauben ja, dass man kein eigenes Leben führen kann und immer bis Mitternacht arbeitet. Aber natürlich ist das Quatsch. Berater, auch McKinsey-Berater, sind ganz normale Menschen [lacht].

ULA-Nachrichten: Sie waren sieben Jahre bei McKinsey. Warum sind Sie ausgestiegen?

Hardt: Als ich angefangen hatte bei McKinsey, war mein Ziel, die Fellowzeit, also die ersten zwei Jahre, zu überleben. Es ist aber sehr gut gelaufen, ich war mit Spaß bei der Sache, habe sehr gutes Feedback bekommen. Zwischendurch habe ich mich aber immer mal wieder mit dem Gedanken des Ausstiegs beschäftigt, insbesondere die Selbständigkeit hat bei diesen Gedanken immer eine große Rolle gespielt. Es kam aber immer etwas dazwischen. Immer wollte ich noch etwas Neues mitnehmen, zuletzt eben die Zeit als Projektleiter mit Budget- und Mitarbeiterverantwortung. Das war noch einmal eine ganz andere Rolle mit wesentlich mehr Verantwortung. Und auch danach gab es immer wieder Projekte, die ich klasse fand. So sind die Jahre vergangen.

Nachdem ich mein Projekt zu Ende geführt habe, hat mir einer meiner Mentoren bei McKinsey noch ans Herz gelegt, drei Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen, um den Kopf wieder frei zu kriegen. Er hatte glaube ich gehofft, ich käme danach wieder zurück. Zu dieser Zeit habe ich mich aber bereits intensiv mit der Selbständigkeit beschäftigt und die Lage sondiert. Auch Jan Schächtele – meinen Mitgründer und Ex-Kollegen – habe ich in dieser Zeit wiedergetroffen. Er kam im Sommer 2014 gerade von einer Weltreise und einer Bauernhofrenovierung in der Provence zurück. Wir haben uns getroffen und über potenzielle Gründungsthemen unterhalten – und COMATCH gehörte dazu. Im August und September haben wir dann die Gründung vorbereitet.

ULA-Nachrichten: Wie funktioniert das Prinzip hinter COMATCH?

Hardt: Wir sind ein Onlinemarktplatz für freiberufliche Managementberater und Industrieexperten. Sowohl die Unternehmen als Auftraggeber als auch die Berater als Auftragnehmer haben einen Vorteil, wenn sie uns nutzen. Der Berater ist sehr viel flexibler, als wenn er angestellt wäre. Er kann selbst entscheiden, wann, für wen und für welchen Tagessatz er auf welchem Projektthema arbeitet. Über uns hat er zudem eine extrem vereinfachte Projektakquise. Die Auftraggeber haben umgekehrt über uns einen „kuratierten“ Zugang zu einem großen Pool an hoch qualifizierten Beratern, die ähnliche oder oft die gleichen Kompetenzen haben wie festangestellte Berater der großen Beratungshäuser. Bei Direktbuchung sind diese Freiberufler natürlich preiswerter als eine Beratung.

ULA-Nachrichten: Es ist also schon eine Konkurrenz zu Ihrem ehemaligen Arbeitgeber.

Hardt: Nein. Denn es gibt sehr viele gute Gründe für eine renommierte Beratung wie McKinsey, Bain und Konsorten. Sei es, weil man als Unternehmen weiß, unangenehme Entscheidungen treffen zu müssen. Wenn es weh tut, ist ein großes Beratungsunternehmen als Entscheidungshelfer wesentlich besser vermittelbar oder auch glaubwürdiger als ein einzelner externer Berater. Auch bei großen Strategieprojekten wollen Premiumunternehmen natürlich auch einen vorzeigbaren, renommierten Premiumpartner aufseiten der Berater haben.

Wir sind für etwas kleinere Projekte eine sehr gute Alternative für die Unternehmen. Auch kommen andere Beratungshäuser auf uns zu, um situativ Demand-Peaks oder Knowledge-Gaps abzufedern.

ULA-Nachrichten: Wie groß ist Ihr Netzwerk denn schon?

Hardt: Momentan sind es rund 400 Berater. Seit Oktober 2014 gibt es uns, seit Mitte November akquirieren wir den Beraterpool und seit März 2015 sind wir tatsächlich offiziell am Markt aktiv. Wir sind momentan im gesamten deutschsprachigen Raum präsent, planen aber nun auch, in die Benelux-Staaten zu gehen und mittelfristig auch Skandinavien zu bedienen.

ULA-Nachrichten: Wie teilt sich der Pool auf?

Hardt: Circa 50 Prozent sind ehemalige Managementberater mit mindestens drei Jahren Erfahrung in einem großen Beratungsunternehmen. Die anderen 50 Prozent sind Industrieexperten mit mindestens zehnjähriger Facherfahrung in einem speziellen Funktionsbereich oder in einer jeweiligen Branche.

ULA-Nachrichten: Wer prüft die Qualifikationen?

Hardt: Wir. Man kann sich nicht wie bei XING einfach registrieren und ist dann automatisch in den Pool aufgenommen. Wir haben einen zweistufigen Qualitätssicherungsprozess. Nach der Anmeldung sichten wir die Referenzen und Kompetenzen auf dem Papier. Nur mit den sehr guten Profilen führen wir ein persönliches Gespräch. In diesem Gespräch kommt es auf weiche Faktoren an, zum Beispiel das Energielevel oder die Motivation des Kandidaten. Denn gerade als Freelancer muss ein Berater 100 Prozent engagiert sein. Auch das Konfliktmanagement spielt eine wichtige Rolle. Nach dem Gespräch entscheiden wir, ob ein Kandidat letztlich unsere Community stärken kann und zu unserem Pool passt.

Unsere Berater kriegen von uns je nach Spezialisierung Projektvorschläge. Die Berater können entscheiden, ob sie Zeit und Lust auf dieses Projekt haben und zu welchem Tagessatz sie das Projekt übernehmen können. Außerdem müssen uns die Berater in drei Sätzen schildern, warum gerade sie der richtige Berater für dieses Projekt sind. Dann spielen wir den Auftraggebern diese Informationen zu.

Üblicherweise schlagen wir den Klienten drei Kandidaten vor: Einer fällt normalerweise auf dem Papier bereits weg und mit den anderen beiden werden persönliche Gespräche geführt – ob per Telefon oder auch vor Ort beim Auftraggeber. Und erst dann, wenn ein Berater schließlich verpflichtet wird, werden für den Klienten Kosten fällig.

ULA-Nachrichten: Gibt es viele Konkurrenten für Sie?

Hardt: Natürlich. Es ist auch für Start-ups utopisch zu glauben, dass man keine Konkurrenten hätte. Aber wir sind mit unserem Ansatz im Detail schon „unique“. Wir machen unsere Beratervermittlung komplett online – und zwar für beide Partner. Auch da haben wir zwei Konkurrenten, die allerdings etwas anders vorgehen und zum Beispiel die Berater sich frei anmelden lassen und auch für die Klienten zugänglich listen. Wir hingegen haben die vorgeschaltete Prüfung und treffen in einem kuratierten System eine Vorauswahl für die Klienten.

Unser Mehrwert ist die Auswahl: Wir kennen die Berater genau und wissen, wer für welches Projekt überhaupt infrage kommt. Aber am Ende werden die Leute natürlich mit den Füßen abstimmen. Beziehungsweise mit den Händen auf der Tastatur! Dann sehen wir, welcher Ansatz am besten ankommt.

Seit 2014 ist Dr. Christoph Hardt Geschäftsführer und Gründer der auf Managementberater und Industrieexperten spezialisierten Onlinevermittlungsplattform COMATCH GmbH. Zuvor hat Hardt in sieben Jahren als Berater bei McKinsey & Company rund 30 Marketing-&-Sales-Projekte vorwiegend in der Energie- und Chemiebranche betreut. Foto: COMATCH

Druckfassung des Interviews