Gastbeitrag: Führung braucht Sowohl-als-auch-Sicht

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Gastbeitrag von Prof. Dr. Eric Kearney, Professor für Führung, Organisation und Personal an der Universität Potsdam.

In den letzten Jahren wurden verschiedene Varianten eines „Sowohl-als-auch- Führungsansatzes“ entwickelt. Diese sollen dazu dienen, Führungskräfte in der Bewältigung immer komplexer werdender Herausforderungen zu unterstützen. In diesem Beitrag werden die Grundidee und eine Variante dieses Ansatzes dargestellt.

Die Anforderungen an Führende werden immer vielfältiger. Es reicht nicht mehr, einen bestimmten Führungsstil zu entwickeln und diesen konsequent anzuwenden. Führende müssen auch Antworten finden auf Herausforderungen wie die steigende Nachfrage nach flexibler Arbeitsgestaltung und flacheren Hierarchien, die motivationalen Besonderheiten junger Menschen sowie zunehmende Heterogenität – nicht nur demografisch, sondern auch in Bezug auf Einstellungen und Werthaltungen. Gibt es Ansätze aus der Führungsforschung, die dabei helfen, diese vielfältigen Herausforderungen gedanklich zu strukturieren, um effektive Lösungsansätze entwickeln zu können?

Ein Ansatz mit weitreichendem Geltungsanspruch, der sich in der wissenschaftlichen Literatur allmählich etabliert, ist der des Sowohl-als-auch-Denkens. Beispiele hierfür sind die Konzepte der ambidextren und der paradoxen Führung. Die Grundidee besteht darin, dass scheinbar widersprüchliche, letztlich jedoch komplementäre Elemente kombiniert werden sollten. Eine Variante dieser Grundidee ist die folgende: Um Teams und größere organisationale Einheiten erfolgreich zu führen, sollten Führende sowohl zentripetale als auch zentrifugale Kräfte gleichermaßen fördern.

Um gut zusammenarbeiten zu können, braucht ein Team zentripetale Kräfte, die Konvergenz, Koordination und eine gemeinsame Ausrichtung fördern. Um die zentripetalen Kräfte zu fördern, können Führungskräfte zum Beispiel eine gemeinsame Vision und gemeinsame Ziele betonen und klare Vorgaben machen. Sie können darauf achten, Teams so zusammenzustellen, dass es Gemeinsamkeiten zwischen den Mitgliedern gibt, sodass die Teammitglieder gerne und konstruktiv zusammenarbeiten. Außerdem können sie das „Wir-Gefühl“ fördern – durch spezielle Events, aber auch durch regelmäßige persönliche Zusammenarbeit. Darüber hinaus können Führungskräfte dafür sorgen, dass alle Teammitglieder von gemeinsamen Erfolgen profitieren.

Der gewünschte Effekt der zentripetalen Kräfte ist, dass alle an einem Strang ziehen und Harmonie und Konsensbereitschaft die Zusammenarbeit prägen. Durch die zentripetalen Kräfte wird das Team entscheidungsfähig und effizient in seinen Handlungen. Allerdings können die zentripetalen Kräfte auch unerwünschte Effekte haben. Wenn alle ähnlich denken und niemand mehr eine andere Sichtweise vertritt oder konstruktive Kritik äußert, kommt es schnell zu Redundanzen, Stagnation und Konformität.

Wie kann ein Team von den zentripetalen Kräften profitieren – in Form von effizienter Koordination und einer gemeinsamen Ausrichtung –, ohne gleichzeitig die unerwünschten Nebeneffekte – Redundanzen, Stagnation und Konformität – in Kauf nehmen zu müssen? Indem die zentripetalen Kräfte mit den ihnen entgegengesetzten, letztlich aber komplementären zentrifugalen Kräften kombiniert werden.

Um erfolgreich zu sein, braucht ein Team nicht nur zentripetale, sondern auch zentrifugale Kräfte, die Divergenz, Freiräume, Unterschiedlichkeit und Individualität fördern. Die zentrifugalen Kräfte lassen sich zum Beispiel durch ermächtigende Führung und die Förderung von Diversität (in Bezug auf demografische Merkmale, Erfahrungshintergründe und Wissensbestände) und unterschiedlichen Sichtweisen stärken. Außerdem können Führungskräfte an die Bedürfnisse der jeweiligen Person angepasste Work-LifeBalance-fördernde Maßnahmen wie „Remote Work“ und allgemeine Flexibilität in der Arbeitsgestaltung entwickeln. Auch die Einführung eines konstruktiven Wettbewerbsgedankens und die besondere Würdigung der Leistungsstärksten fördert die zentrifugalen Kräfte. Zudem sollten Führungskräfte sicherstellen, dass die Teammitglieder stets bereit sind, konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge zu äußern.

Der gewünschte Effekt der zentrifugalen Kräfte ist die Erweiterung des Spektrums an Ideen, Perspektiven und Lösungsansätzen. Durch die zentrifugalen Kräfte werden Kreativität, Agilität und Anpassungsfähigkeit gefördert. Doch auch die zentrifugalen Kräfte können unerwünschte Effekte haben – zum Beispiel, wenn die ermächtigten Teammitglieder das Team in unterschiedliche Richtungen ziehen wollen. Oder wenn es zwischen den Teammitgliedern überwiegend Unterschiede und kaum Gemeinsamkeiten gibt. Oder wenn jedes Teammitglied nur an sich denkt und der Teamzusammenhalt verloren geht. Dies führt leicht zu Chaos, Konfusion und dysfunktionalen Konflikten.

Wie kann ein Team von den zentrifugalen Kräften profitieren – in Form von mehr Ideen, Perspektiven und Lösungsansätzen –, ohne gleichzeitig die unerwünschten Nebeneffekte – Chaos, Konfusion und Konflikt – in Kauf nehmen zu müssen? Indem die zentrifugalen Kräfte mit den ihnen entgegengesetzten, letztlich jedoch komplementären zentripetalen Kräften kombiniert werden. Beide Kräfte haben jeweils ihre eigenen spezifischen Vorteile. Zudem ermöglichen sie, dass die Vorteile der jeweils entgegengesetzten Kraft zur Entfaltung gelangen können. Dieser Ansatz des Kombinierens gegensätzlicher, letztlich aber komplementärer Kräfte lässt sich direkt auf viele der wichtigsten Führungsthemen beziehen. Es gibt jeweils ein breites Spektrum an Maßnahmen, um die zentripetalen und die zentrifugalen Kräfte zu stärken. Der Grundgedanke bleibt dabei immer der gleiche: Damit ein Team dauerhaft erfolgreich sein kann, müssen beide Kräfte stark ausgeprägt sein.

Der Link umfragenup.uni-potsdam.de/centrifugal_centripetal führt Sie zu einem Test, mit dem Sie die Ausprägung der beiden komplementären Kräfte in Ihrem eigenen Team diagnostizieren können. Anzustreben sind hohe Werte in allen Dimensionen. Die einzelnen Fragen geben bereits Hinweise darauf, wo für Sie Handlungsbedarf bestehen könnte.