Gastbeitrag: Künstliche Intelligenz und Führung – Wie KI Führung in Organisationen verändern wird und wie wir uns darauf vorbereiten können
Von Prof. Dr. Eric Kearney
Prof. Dr. Eric Kearney ist Professor für Führung, Organisation und Personal an der Universität Potsdam. Er ist zudem Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Führungskräfteverbands ULA.
KI verändert die Art und Weise, wie Organisationen funktionieren. Ich teile die Auffassung, dass die Transformation aller Lebensbereiche durch KI in den nächsten 5–10 Jahren größer sein wird, als sich das die meisten Menschen derzeit vorstellen können. Es mag eine KI-Blase bei Börsenbewertungen geben, doch der technologische Fortschritt selbst wird sich nicht verlangsamen.
In Unternehmen geht es derzeit vor allem um die Automatisierung operativer Prozesse. Doch wie wird KI die Führung von Mitarbeitenden verändern? Werden Menschen auch künftig Vorteile gegenüber KI haben beim Inspirieren und Motivieren, bei der individuellen Ansprache und beim Zusammenschweißen Vieler zur Realisierung ambitionierter Visionen – also bei Führung im engeren Sinne (gemäß Zalezniks Unterscheidung zwischen Management und Führung)?
Zumindest für die nächsten Jahre liegt der vielversprechendste Weg nicht im Entweder-oder, sondern in der Zusammenarbeit mit KI. Hierzu ein Beispiel. Mitarbeitende unterscheiden sich in Persönlichkeit, Werten, Erfahrungen, Kommunikationsstil und Motivationslagen. Fast alle Führungskräfte kennen die Situation, dass sie manche Mitarbeitende besser „erreichen“ als andere. Wohlwollend gemeintes Feedback wirkt bei manchen engagementförderlich, bei anderen kaum. Die zentrale Frage lautet: Was genau müsste ich sagen, um Mitarbeiterin A oder Mitarbeiter B für unsere gemeinsamen Ziele zu motivieren?
KI bietet enormes Potenzial zur maßgeschneiderten Kommunikation. Unternehmen wie Meta und Alphabet sind deshalb so erfolgreich, weil sie Nutzerdaten zu Profilen verdichten und uns auf unsere individuellen Interessen und (vermeintlichen) Bedürfnisse maßgeschneiderte Werbung zeigen. In ähnlicher Weise erlaubt KI Führungskräften, ihre Kommunikation an die Besonderheiten ihrer Mitarbeitenden anzupassen. Der Mechanismus lässt sich auch ethisch verantwortungsvoll und im Sinne der Mitarbeitenden nutzen. Wir sagen der KI unser Ziel – etwa ein Teammitglied für ein neues Projekt zu begeistern oder Unzufriedenheit mit einem abgeschlossenen Projekt so zu kommunizieren, dass daraus Lernen und höheres Engagement resultieren. Und die KI schlägt anschließend vor, wie wir dies bei Mitarbeiterin A anders gestalten sollten als bei Mitarbeiter B.
Damit dies überzeugend gelingt, müssen wir zweierlei tun. Erstens: der KI – also Sprachmodellen wie Claude, Gemini oder ChatGPT – mitteilen, welche wissenschaftlich fundierten Modelle sie dafür nutzen soll. Die Wahl der richtigen Modelle ist entscheidend für die Qualität der Empfehlungen. Zweitens: der KI Informationen über die betreffenden Personen geben. Dabei geht es nicht um sensible Daten, sondern um unsere eigene Einschätzung von Eigenschaften wie Extroversion und Offenheit, individuellen Motivatoren oder typischen Reaktionen auf Lob und Kritik.
Bei alledem ist – wie grundsätzlich im Umgang mit KI – Vorsicht geboten. Daher sollte nicht jede Führungskraft für sich allein entscheiden, wie sie KI einsetzt, sondern das Unternehmen als Ganzes sollte eine Strategie entwickeln, die Chancen und Risiken systematisch abwägt. Dabei sollte man das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Die KI-Tools von heute sind wahrscheinlich die schlechtesten, mit denen wir künftig arbeiten werden. KI ist eine derart transformative Technologie, dass eine über einzelne Tools hinausgehende, ganzheitliche Beschäftigung mit dem Thema für Unternehmen wettbewerbsentscheidend und für Führungskräfte karrierebestimmend sein wird.

Victoria Aurel
John Cairns
Fotos: privat, Fotofabrik Stuttgart