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Gastbeitrag: Zukunft gestalten – Rolle von Führungskräften in der KI-Transformation

Aktuelles, Führung & Leadership, ULA_NA 08/2026, ULA-NA
ULA / Jens Schicke

Von Dr. Jörg Habich, Geschäftsführer der Liz Mohn Stiftung

Früher hieß Führung: mehr wissen, entscheiden, kontrollieren. In den Jahren der Gründung der ULA stand fest: Bildung und Erfahrung sind eine gute Grundlage für die Karriere. Heute erleben viele Führungskräfte immer stärker: Bildung und Weiterbildung sind zwar weiterhin Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit, aber die Kompetenzen, die Führungskräfte in der Vergangenheit erfolgreich gemacht haben, reichen für die Zukunft oft nicht mehr aus.

Besonders stark wirken sich Digitalisierung und KI-Entwicklung auf Führung aus und verändern sie in mehreren Bereichen grundlegend: Im digitalen Zeitalter bleiben Entscheidungen, Verhaltensweisen, aber auch Fehler über Jahre sichtbar – Leistung ist jederzeit messbar, vergleichbar und öffentlich diskutierbar. Auch die Führungskraft hinterlässt digitale Fußspuren, gerade wenn es um das Führungsverhalten geht: Führungskräfte geraten in eine neue Realität ständiger Transparenz, die auch das Verhältnis zu ihren Teams verändert. Es entsteht der neue Typus der gläsernen Führungskraft. Eine Führungskraft, die nicht mehr nur Ergebnisse liefert, sondern sich auch permanent erklären und gegebenenfalls rechtfertigen muss und sichtbar machen soll, warum sie handelt, wie sie handelt – aber auch, warum sie so gehandelt hat.

Diese Transparenz hat einen Verstärker, der sie auf eine neue Stufe hebt: Social Media. Auch Führungskräfte sind davon betroffen und es ist zu erwarten, dass sie sich den veränderten Bedingungen anpassen werden – mit Konsequenzen für das Wesen ihrer Führung: Führungskräfte beginnen, sich dauernd selbst zu beobachten. Sie fragen sich permanent: Wie wird diese Entscheidung aufgenommen? Wie reagieren Mitarbeitende? Wie wirkt das nach außen?

Und: Eine Führungskraft muss auch auf die negativen Folgen von Social Media vorbereitet sein. Manipulation, Falschmeldungen und Lügen könnten auch vor den Werkstoren nicht haltmachen. Social Media bietet die Plattform für Vereinfachung, falsche Anschuldigungen oder das Säen von Misstrauen. Eine bislang unbekannte Ebene des Staffings ist möglich, bei dem sich Mitarbeitende gegen die Führungskraft wenden. Autorität und Ansehen jeder Führungskraft könnten untergraben werden. Aus dem Vertrauensverhältnis zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden könnte sich leicht ein Misstrauensverhältnis gegenseitiger Überwachung und Kontrolle entwickeln.

Hinzu kommen die Veränderungen, die KI für Führung bedeutet. Unzweifelhaft bietet KI eine Vielzahl von Möglichkeiten, die auch den Arbeitsalltag jeder Führungskraft deutlich vereinfachen werden.KI kann mich als Führungskraft unterstützen, dient als Sparringspartner, steigert Effizienzen. Damit bietet KI die Möglichkeit, den Arbeitsalltag einer Führungskraft komplett neu zu gestalten. Ob auch Letztentscheidungen durch KI getroffen werden, bleibt aktuell noch der Fantasie überlassen. Zwar wird KI aus einer schlechten keine gute Führungskraft machen, aber sie kann dabei helfen, Defizite zu erkennen und Weiterbildungsbedarfe zu ermitteln.

Bei der notwendigen Implementierung kommt den Führungskräften ebenfalls eine besondere Bedeutung als Treiber und Ermöglicher des Wandels zu. Führungskräfte treiben den sinnvollen Einsatz von KI voran, indem sie eine klare strategische Richtung vorgeben, Prioritäten setzen und den Nutzen für die Organisation transparent machen. Gleichzeitig ermöglichen sie die erfolgreiche Nutzung, indem sie Mitarbeitende befähigen, geeignete Rahmenbedingungen schaffen und eine Kultur fördern, in der KI verantwortungsvoll erprobt und kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Dennoch vertrauen viele Führungskräfte auf Glaubenssätze wie „Nur ich als Mensch kann Vertrauen schaffen“, „Nur ich kann Hoffnung vermitteln“ oder „Nur ich kann Empathie zeigen und Sinn stiften“. KI erschüttert jedoch zunehmend auch diese Gewissheiten. KI kann Führungskräfte beobachten und kontinuierlich dazulernen und wird auch Emotionen und Empathie so detailliert nachahmen können, dass sie von einer echten menschlichen Reaktion kaum mehr zu unterscheiden sein wird. KI könnte dann immer mehr zu einer echten Konkurrenz für Führungskräfte werden. Auch auf diese Rolle als Betroffene im Transformationsprozess muss Führung vorbereitet werden.

Dabei zeigt eine unveröffentlichte Studie der Liz Mohn Stiftung, dass die Notwendigkeit zur Weiterbildung im Bereich KI in der Praxis angekommen ist und die Unternehmen an der Integration von KI arbeiten. Die Hälfte (50,7 Prozent) der befragten Führungskräfte stimmt zu, dass die KIWeiterbildung in der eigenen Organisation eine klare Priorität hat und 49,4 Prozent bestätigen, dass dafür auch feste Budget- und Zeitressourcen zur Verfügung stehen. Obwohl es angesichts der engen Taktung des Führungsalltags unglaublich erscheint: Schon jetzt investieren knapp zwei Drittel der Befragten (65,3 Prozent) mindestens eine halbe Stunde wöchentlich in die KI-Weiterbildung. Das große Problem ist jedoch: Führungskräfte, die KI heute noch nicht oder nur selten nutzen, sagen auch zu 77,4 Prozent, dass sie keine Zeit für die Weiterbildung haben. Es droht ein Teufelskreis, in dem dieser Teil der Führungskräfte vollends den Anschluss verliert.

Was folgt daraus? Führungskräfte kommen nicht umhin, sich diesen Veränderungen aktiv zu stellen. Dabei geht es nicht um die Frage, ob die Technik dem Menschen überlegen ist oder nicht. Es geht vielmehr darum, all die genannten Transformationen zu gestalten. Daher ist es entscheidend, die Führungskräfte auf die veränderten Bedingungen vorzubereiten. Sie brauchen Räume, in denen sie lernen, mit Transparenz, Unsicherheit und öffentlichem wie persönlichem Druck souverän umzugehen. Sie brauchen Kompetenzen im Umgang mit Kommunikation, ethischen Konflikten und psychologischer Belastung.

Darin liegt der eigentliche Wert von Qualifizierung. Sie schafft nicht nur Wissen, sondern vor allem Orientierung, Resilienz und die Fähigkeit, Wandel nicht nur auszuhalten, sondern aktiv zu gestalten.

Weiterbildung kann die Rahmenbedingungen, unter denen Führung heute stattfindet, nicht einfach zurückdrehen. Aber sie kann Führungskräfte befähigen, mit diesen Bedingungen verantwortungsvoll umzugehen und ihre Rolle unter veränderten Voraussetzungen neu auszufüllen. Gerade in einer unsicheren, komplexen und sich schnell verändernden Welt braucht es auch künftig Führungskräfte, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – und die Zukunft aktiv mitzugestalten.

20. Juli 2026
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