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Pro & Contra: Arbeitszeitflexibilisierung – Notwendige Anpassung oder Risiko?

Aktuelles, Pro & Contra, ULA-NA, ULA-NA 04/2026
© ULA

In vielen Unternehmen wächst der Druck, Arbeitszeitregelungen den Anforderungen einer zunehmend dynamischen Wirtschaft anzupassen. Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die vor gesundheitlichen Risiken und zusätzlicher Belastung warnen. Wie viel Flexibilität braucht der Arbeitsmarkt in Deutschland? In den ULA Nachrichten stellen zwei Mitglieder des Bundestags ihre Positionen zu möglichen gesetzlichen Änderungen im Arbeitszeitrecht vor.

Dr. Markus Reichel (CDU) ist Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung sowie im Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestags.

Foto: Frank Grätz

Unser Arbeitsmarkt braucht ein Update. Ein zentraler Baustein ist mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit. Derzeit gilt in Deutschland grundsätzlich der Achtstundentag, mit Ausnahmen bis zu zehn Stunden. Abweichungen sind meist nur über Tarifverträge oder darauf basierende Betriebs- und Dienstvereinbarungen möglich – Voraussetzungen, die viele kleine und mittlere Unternehmen nicht erfüllen. Dieses starre Modell wollen wir modernisieren und durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzen. Das schafft mehr Spielraum für Beschäftigte und erleichtert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wer an einzelnen Tagen länger arbeitet, kann an anderen entsprechend kürzertreten.

Auch für Unternehmen bringt mehr Flexibilität Vorteile. Betriebe können besser auf Auftragsspitzen oder unvorhersehbare Situationen reagieren. Gerade in Branchen wie der IT spielt flexible Arbeitsorganisation eine wichtige Rolle im Wettbewerb um Fachkräfte. Übermäßige bürokratische Hürden schwächen hier den Standort Deutschland. Ein sinnvoller Ansatz ist daher, den Achtstundentag durch eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden zu ersetzen, ohne die regelmäßige Arbeitszeit insgesamt zu erhöhen. Befürchtungen, ein 13-Stunden-Tag werde zur neuen Norm, sind unbegründet. Bewährte Modelle wie die Vertrauensarbeitszeit sollen erhalten bleiben. Gleichzeitig können Sozialpartner mehr Gestaltungsspielraum erhalten, sofern ein fairer Ausgleich gewährleistet ist. So entsteht mehr Flexibilität, ohne den Schutz der Beschäftigten zu schwächen.

Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen) ist amtierende Vorsitzende des Haushaltsausschusses und Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestags. 

Foto: Laurence Chaperon

Wenn als Antwort auf fehlende Fachkräfte der Ruf nach mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit lauter wird, sollten wir genau hinschauen, was damit gemeint ist. Eine moderne Arbeitswelt braucht Flexibilität, aber eine, die den Menschen dient, nicht nur betrieblicher Verfügbarkeit. Denn das Arbeitszeitgesetz ermöglicht bereits flexible Modelle, insbesondere über Tarifverträge. Viele Beschäftigte arbeiten schon jetzt an der Belastungsgrenze. Psychische Erkrankungen und stressbedingte Ausfälle steigen seit Jahren deutlich. Wer in dieser Situation die Schutzstandards des Arbeitszeitgesetzes aufweichen will, löst kein Problem, sondern verschärft es. Eine Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit würde vor allem längere Arbeitstage, Gefährdung der Ruhezeiten, mehr Verfügbarkeit, weniger Planbarkeit bedeuten. Für Gesundheit und Vereinbarkeit wäre das ein Rückschritt.

Das eigentliche Potenzial liegt an anderer Stelle: Millionen Menschen arbeiten unfreiwillig in Teilzeit oder können ihre Arbeitsumfang nicht so gestalten, wie es zu ihrem Leben passt. Deutschland hat ein Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Könnten Frauen mit kleinen Kindern so viel arbeiten, wie sie möchten, gäbe es auf einen Schlag 840.000 Arbeitskräfte mehr.

Entscheidend sind darum bessere Rahmenbedingungen: mehr Kinderbetreuung, verlässliche Pflegeangebote, Entlastungen im Haushalt und stärkere Mitbestimmung über das Wann, Wie und Wo von Arbeit, etwa durch flexible Vollzeit, vollzeitnahe Teilzeit und Homeoffice.

6. April 2026
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