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Gastbeitrag: Corporate Governance – Transformation beginnt im Aufsichtsrat

Aktuelles, Führung & Leadership, ULA-NA, ULA-NA 06/2026
Fotos: privat, Fotofabrik Stuttgart

Von Prof. Manuela Rousseau und Prof. Dr. Julia Duwe

Prof. Dr. Julia Duwe, Professorin für Strategic Transformation Design, Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd

Prof. Manuela Rousseau, Professorin für Kultur- und Medienmanagement, Institut KMM, Hamburg

Ob Krisen, Klimawandel oder KI: Täglich kämpfen Führungskräfte mit neuen Herausforderungen: Ein Unternehmen zu führen, heißt heute es zu transformieren. Diese Führung beginnt im Aufsichtsrat.

„Es ist still im Raum. Die Unterlagen liegen vor uns. Quartalszahlen. Risikoberichte. Der nächste Punkt auf der Agenda: eine Investition in ein zukünftiges Geschäftsfeld“. Manuela Rousseau erinnert sich an unzählige solcher Momente in ihren 25 Jahren im Aufsichtsrat von Beiersdorf, zuletzt als stellvertretende Vorsitzende. „Eine Zeit zwischen Stabilität und Disruption, zwischen verlässlichem Kerngeschäft und der Frage: Was kommt als Nächstes?“ Ein Aufsichtsrat hat eine gesetzliche Pflicht zur Kontrolle. Aber wer nur kontrolliert, verpasst seine zweite Aufgabe: Zukunft ermöglichen.

Was die Expertin beschreibt, spitzt sich in vielen Branchen heute dramatisch zu: Unternehmen müssen mit aller Kraft ihr Kerngeschäft erhalten und gleichzeitig ein neues Standbein für die Zukunft bauen. Den Spagat bezeichnet die betriebswirtschaftliche Forschung als Ambidextrie, auch Beidhändigkeit. Es geht um die Fähigkeit, widersprüchliche Strategien zu gleichzeitig zu verfolgen, das Kerngeschäft zu stabilisieren und es gleichzeitig zu transformieren.

Ambidextrie ist Schlüsselkompetenz für große Transformationen. Je unsicherer das Umfeld, desto unbekannter und risikobehafteter werden die Entscheidungen. Die Rolle des Aufsichtsrats gewinnt in diesem Umfeld stark an Bedeutung. Das Gremium trägt Entscheidungsmacht auf Zeit. Wer diese Rolle in einer Zeit der Umbrüche auf die Rückschau und Kontrolle reduziert, verhindert schlimmstenfalls die Transformation des Unternehmens.

Es geht darum, nicht nur die Risiken zu betrachten, sondern strategische Weichen für die Zukunft zu stellen. Dabei wächst die Fülle an neuen Themen, in denen strategisches Sparring durch den Aufsichtsrat benötigt wird, mit Höchstgeschwindigkeit. Um nicht nur mitzuhalten, sondern ihrer Zeit voraus zu sein, müssen die Gremien sich kontinuierlich selbst erneuern.

Ambidextrie ist dabei keine Einbahnstraße vom Aufsichtsrat zum Vorstand. Leitende Angestellte stehen im operativen Spannungsfeld. Sie spüren früher als jedes Gremium, wo Strukturen zu eng werden, wo Märkte kippen, wo Kultur Veränderung braucht. Ein aktiver Aufsichtsrat schafft Räume, in denen diese Perspektiven gehört werden. Nicht als Umgehung des Vorstands. Sondern als strategische Tiefenschärfe. Die Qualität eines Aufsichtsrats misst sich nicht nur an seinen Beschlüssen – sondern an den Fragen, die er stellt und an der Offenheit, unbequeme Antworten auszuhalten.

In der Theorie klingt das alles einfach. In der Realität ist es schwer. Manuela Rousseau erinnert sich an eine Sitzung, in der über hohe Investitionen in ein neues Marktsegment diskutiert wurde: „Das Kerngeschäft lief stabil. Die Zahlen stimmten. Ein Kollege ermahnte uns: ‚Warum ein Risiko eingehen? Wir dürfen das Kerngeschäft nicht gefährden.‘ Ich hörte da etwas anderes. Es war ein Festhalten am Status Quo. ‚Wir dürfen uns nicht verändern‘.“

Aber Ambidextrie bedeutet, genau in diesen Momenten Verantwortung zu übernehmen und zu fragen: ‚Was passiert mit unserem Unternehmen, wenn wir es nicht tun?‘ Ambidextrie ist kein theoretisches Modell. Sie ist eine Haltung. Es ist die Bereitschaft, Unsicherheit nicht reflexhaft abzulehnen, sondern mit ihr zu arbeiten und Zukunft zu ermöglichen.“

 

Manuela Rousseau war von 1999 bis 2024 Mitglied im Aufsichtsrat der Beiersdorf AG und seit 2019 stellvertretende Vorsitzende des Gremiums. Frau Rousseau engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für Diversität und Führung, u.a. bei Frauen in die Aufsichtsräte e.V. (FidAR), im Verband Führungskräfte Chemie (VAA) und im Wissenschaftlichen Beirat der ULA.

Julia Duwe war viele Jahre Führungskraft im Maschinenbau und Unternehmensberaterin für Transformation, bevor sie 2025 den Ruf auf die Professur für Strategic Transformation Design an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd annahm. Sie ist Autorin der Fachbücher „Beidhändige Führung“ und „Aufsichtsrat 2030“. 

10. Juni 2026
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