Im Rahmen der Kooperation zwischen ULA und Leadership Insiders empfehlen wir Ihnen die Lektüre eines neuen, kompakten Beitrags von Prof. Jürgen Weibler zum Thema “Führung in die Unsterblichkeit: Warum Todesfurcht charismatische Führung erklärt”.

Führung kann Ängste hervorrufen; wir sind hierauf bereits im Rahmen eines Bad Leadership eingegangen. Zur Erinnerung: Ängste sind purer Stress für Geist und Körper. Führung kann umgekehrt aber auch Ängste nehmen. Womöglich sogar die größte Angst von allen – nämlich die vor der eigenen Sterblichkeit. Darauf zumindest verweist die sogenannte Terror Management Theorie (TMT), die lebenspraktisches Grundwissen liefert, aber auch zu einem vertieften Verständnis charismatischer Führungsbeziehungen beiträgt. Leadership Insiders zeichnet zentrale Erkenntnisse der TMT nach und stellt relevante Führungsbezüge her.

Terror Management Theorie – Wie das Wissen um Sterblichkeit das menschliche Verhalten beeinflusst

Die Terror Management Theorie (TMT) wurde über die letzten drei Jahrzehnte insbesondere von dem US-amerikanischen Psychologen-Trio Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski entwickelt und stetig verfeinert. Der Begriff ‚Terror‘ hat dabei weniger mit dem modernen Terror zu tun, der seinen tragischen Ausdruck in entsprechenden Anschlägen findet. Gemeint ist vielmehr der ‚Terror of Death‘, also das Wissen um die eigene Sterblichkeit, über welches auf Erden vermutlich nur der Mensch verfügt. Und dieses Wissen kann uns ohne Weiteres ‚terrorisieren‘, sprich: unsere gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, uns lähmen und andauernd in Angst und Schrecken versetzen. Ja, sogar Selbstmorde werden paradoxerweise aus Angst vor dem Tod begangen. Ein solches Stresserleben tritt tatsächlich aber weithin nur in Ausnahmefällen ein. Dies liegt daran, dass der normale Mensch das Wissen um die eigene Sterblichkeit erfolgreich zu verdrängen weiß – wozu auch gehört, dass er seine Endlichkeit zu überwinden sucht.

Blicken wir zunächst auf unsere ‚Verdrängungsstrategien‘. Fasst man die TMT in einem Wort zusammen, dann begegnen wir der Todesfurcht am besten mit: Lebenssinn! Die Gegenstände solcher Sinnstrategien beschreibt das Psychologenteam um Sheldon Solomon genauer (2016):

  • wir selbst, indem wir versuchen, unser Tun wertvoll zu gestalten oder zumindest so zu sehen, um hieraus Selbstachtung und ein hohes Selbstwertgefühl und daraus eben innere Festigkeit zu ziehen;
  • die Gruppe oder Gesellschaft, in der wir leben, deren kulturelles Wertesystem  wir ebenfalls als höchst sinnvoll erachten müssen – was bedingt, dass andere Wertesysteme im Zweifel als minderwertiger einzustufen sind. Gerade dieser Punkt ist aus Sicht der TMT im Übrigen mitentscheidend dafür, dass die Beziehungen zwischen Gruppen und Gesellschaften allzu häufig durch Verachtung, bis hin zur Dehumanisierung und Vernichtung der oder des „anderen“, geprägt sind. Dies sozusagen getreu dem Motto: „Wenn wir nur [bitte einfügen: Terroristen, Ungläubige, Sozialisten, Globalisierungsbefürworter, Homosexuelle, Liberale, Tea-Party-Republikaner, Juden, Muslime, illegale Einwanderer oder was auch immer] los wären, dann wären all unsere Probleme gelöst“ (Solomon u.a. 2016, 198).

Diese bipolare Sinnstrategie wurde in den mittlerweile rund 600 empirischen Studien, die der TMT-Forschung zuzuordnen sind, immer wieder bestätigt. Die Forschungsmethode war dabei im Wesentlichen stets die gleiche:

Die Versuchsgruppe wurde zunächst mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert („Mortality Salience“), indem sie kurze Texte hierüber lesen und/oder verfassen sollte. Danach hatten sich die Teilnehmer dann mit einer spezifischen Fragestellung auseinander zu setzen. Beispiele hierfür gleich. Wichtig vorab ist zunächst, dass es stets auch eine Kontrollgruppe gab, die sich vorgängig gerade nicht mit ihrer Sterblichkeit, sondern mit anderen, wenngleich ebenfalls unangenehmen Themen zu befassen hatte (z.B. Einsamkeit, Zahnschmerzen). Danach hatte sich dann auch diese Gruppe mit der formellen Fragestellung der Studie zu befassen. Die Ergebnisse zeigten dabei unter anderem, dass

  • die Richter aus der Versuchsgruppe die Kaution für eine Prostituierte im Schnitt auf 455 Dollar festlegten, wohingegen diese bei den Richtern der Kontrollgruppe im Durchschnitt lediglich 50 Dollar betrug,
  • den Deutschen, die zufällig auf der Straße interviewt wurden, keine besonderen Vorlieben für „typisch deutsches“ zu entlocken waren, wohingegen Deutsche, die auf einem Friedhof befragt wurden, deutsche Speisen, deutsche Autos und deutsche Urlaubsziele eindeutig gegenüber Alternativen aus anderen Ländern bevorzugten,
  • Amerikaner geheimdienstliche Foltermethoden wie auch zivile Opfer bei der Bekämpfung des Terrorismus dann deutlich eher guthießen, wenn sie sich zuvor ihrer eigenen Sterblichkeit vergewissern mussten,
  • College-Studenten aus einem islamischen Land dann verstärkt Sympathie für Märtyrerangriffe auf die Vereinigten Staaten zeigten wie auch Bereitschaft für eigenes Selbstmordattentate entwickelten, wenn sie der Gruppe entstammten, in denen die Sterblichkeit bewusst thematisiert wurde.

 

Weiter zum vollständigen Beitrag unter www.leadership-insiders.de.