Gastbeitrag: „Wie ist das Wasser?“ – Führen in der Transformation
Von Univ.-Prof. Dr. Guido Möllering
Prof. Dr. Guido Möllering ist Direktor und Lehrstuhlinhaber am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung der Universität Witten/Herdecke und seit 2017 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der ULA.
Der Ruf nach „Führung“ wird gerade in Zeiten des Umbruchs laut. Das ist eine paradoxe Hoffnung. Transformation braucht Führungskräfte, die zu eigener Entwicklung anregen.
„Wie ist denn das Wasser heute?“, fragt ein älterer Fisch zwei jüngere Fische. Die beiden schauen verdutzt: „Was ist Wasser?“ Diese launige Begegnung – frei nach David Foster Wallace – ist ein Klassiker in Diskursen rund um Organisationskultur. Sie verdeutlicht Einbettung und Endogenität. Sie dämpft die Erwartungen an den Wandel von innen.
Den jungen Fischen ist noch nicht einmal bewusst, dass sie im Wasser leben. Der ältere Fisch ist reflektierter, doch in seinen Möglichkeiten ebenso darauf beschränkt, dorthin zu schwimmen, wo die Temperatur, der Sauerstoffgehalt oder das Nahrungsangebot ein wenig besser wären.
Wenn heute von Transformation die Rede ist, dann geht es eigentlich um den Gang an Land. Das ist mehr als bloß „Change“. Transformation bezeichnet eine grundlegende Umformung. Man erkennt die vorige Form kaum wieder. Der Fisch ist an Land (dann) kein Fisch mehr.
Somit erscheint es paradox, wenn Fische erwarten, dass ein Fisch sie an Land führt. Kein Wunder, dass sie das Wasser nicht verlassen, sondern nur ein wenig den Standort ändern und nach dem Ort suchen, wo früher mal das Wasser so angenehm und die Nahrung so üppig war.
Es ist verzwickt. Echte Transformationen von innen erscheinen unrealistisch. Sie scheitern bereits an der Vorstellungskraft derjenigen, die sie initiieren sollen. Externe Führungspersonen und Beratende hingegen unterliegen entweder noch den gleichen Pfadabhängigkeiten oder aber sie verändern zu radikal und zu schnell.
Es mildert de Paradoxien ein wenig ab, nicht primär an das Davor und Danach zu denken, sondern an das Dazwischen und Dahin. Schließlich gibt es Amphibien als Vorbilder und Führung kann vermitteln, dass man auch außerhalb des Wassers (besser) leben und sich noch entwickeln kann. Transformation als Prozess.
Führungskräfte können die Analogie der Fische als Ermutigung nehmen und als Argument gegen unzumutbare Erwartungen. Die prinzipielle Offenheit für Veränderungen bedeutet nicht gleich den Sprung an Land. Führung ist vielmehr die Aufgabe, andere Fische nach dem Wasser zu fragen: Wie läuft es? Was könnte besser? Wann probieren wir es aus?
Die jungen Fische könnten ja flapsig antworten: „Wie das Wasser heute ist? – Was fragst Du uns? Bist doch selbst drin!“ Dann müsste der ältere Fisch antworten: „Wie es für mich ist, weiß ich ja, aber wie ist es für Euch?“ So entsteht Raum für Perspektiven und neue Ideen.
Der Führungsstil der transformationalen Führung (u.a. nach Bernhard M. Bass) scheint hier naheliegend. Damit ist zwar im engeren Sinne eine Transformation der Geführten gemeint. Doch diese individuelle Dynamik ist hilfreich, wenn nicht gar nötig, um Transformationen auch auf organisationaler oder gesellschaftlicher Ebene zu vollziehen.
Da lauert freilich die nächste Paradoxie. Es ist absurd zu erwarten, dass jemand eigenständig wächst, um Visionen anderer zu erfüllen. Transformationsförderlich ist eine Führung, die immer wieder anregt, gemeinsam Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Welche (bessere) Zukunft – im Wasser, an Land oder amphibisch – könnte für uns nachhaltig möglich sein?
Der ULA ist in diesem Sinne zu ihrem 75jährigen Jubiläum zu gratulieren und zu wünschen, dass sie als Dachverband, wie auch die Führungskräfte in ihren Mitgliedsverbänden, weiterhin transformativ und partnerschaftlich fragt: Wie ist das Wasser?

© Volker Wiciok
© Maria Schulz Fotografie / VFF