Gastbeitrag: Wachstumsperspektiven und Potenzialreserven

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Von Prof. Dr. Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland kommt seit sechs Jahren kaum über das Niveau hinaus, das bereits am Ende 2010er Jahre erreicht worden war. Die in diese Zeit fallenden makroökonomischen Schocks haben konjunkturell zu Einbrüchen beziehungsweise deutlichen Dämpfern geführt und können leicht den Blick dafür verstellen, dass hierzulande auch die Wachstumskräfte seit Jahren schwinden.

Diese beziehen sich auf die Zunahme der Produktionsmöglichkeiten bei Normalauslastung. In den ersten drei Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung lag die jährliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft im Schnitt bei 1,3 Prozent. Diese Rate hat sich nunmehr auf 0,3 Prozent zurückgebildet und dürfte unter den wirtschaftspolitischen Status-quo-Bedingungen für geraume Zeit schwach bleiben. Dies ist maßgeblich der demografischen Entwicklung geschuldet, die das insgesamt abrufbare Volumen der Arbeitsstunden – trotz fortgesetzter Nettozuwanderung – fortan von Jahr zu Jahr merklich schrumpfen lässt.

Im Zuge der Erholung von der zurückliegenden Rezession kann das Bruttoinlandsprodukt über eine steigende Auslastung zunächst noch etwas stärker zulegen als die Produktionsmöglichkeiten wachsen. Für das laufende und das kommende Jahr sind ausweislich der jüngsten Frühjahrsprognose des Kiel Instituts für Weltwirtschaft Zuwachsraten von 0,8 beziehungsweise 1,4 Prozent zu erwarten. Damit sind die Expansionsspielräume aber schon weitgehend ausgeschöpft, sodass eine stabilitätsgerechte Entwicklung im weiteren Verlauf nur noch entlang des schwachen Potenzialpfades möglich ist. Mit der nun an Breite gewinnenden Verrentung der Babyboomer nehmen die Ansprüche an die Wirtschaftsleistung seitens der ökonomisch inaktiven Bevölkerung vermehrt zu. Zudem verschärfen die Ressourcenbedarfe für die Dekarbonisierung und die äußere Sicherheit die Verteilungskonflikte in der mittleren Frist.

Über standortstärkende Reformen ließen sich Potenzialreserven heben, die auf Jahre hinaus mit höheren Wachstumsraten einhergingen. Mögliche Wachstumsdifferenziale sind von einem Jahr auf das andere zwar zunächst kaum spürbar. Ähnlich wie beim Zinseszinseffekt bauen sich mit der Zeit aber erhebliche Niveauunterschiede auf, die sowohl gesamtwirtschaftlich – etwa für die Stabilität der sozialen Sicherungssysteme – als auch mit Blick auf die Einkommensposition der einzelnen Akteure von erheblicher Tragweite sind. Dies wird deutlich, wenn man dem unter Status-quo-Standortbedingungen zu erwartenden Wachstumspfad für die Jahre 2025 bis 2040 zwei Alternativszenarien gegenüberstellt, die im Ergebnis ein um 0,5 Prozentpunkte beziehungsweise 1,0 Prozentpunkte höheres jährliches Wachstum abbilden. Hierbei rühren die Unterschiede von alternativen Annahmen über die Fortschrittsrate der Totalen Faktorproduktivität (TFP), über die der Effekt standortstärkender Maßnahmen abgebildet wird.

Die hier betrachteten Szenarien für alternative Produktivitätspfade beruhen auf Simulationsrechnungen mit einem makroökonomischen Modell, das die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung explizit berücksichtigt. Wichtige Annahmen gelten dabei den künftigen Wanderungsströmen sowie der Entwicklung der Erwerbsbeteiligung. Wir beschränken uns hier auf die Ergebnisse für die diesbezüglich jeweils moderaten Varianten. Alle Größen sind inflationsbereinigt und beziehen sich auf das Preisniveau des Jahres 2025.

Bei einem – für Status-quo-Bedingungen eher günstig angesetzten – jährlichen TFP-Wachstum von 0,5 Prozent kann das Bruttoinlandsprodukt ausgehend vom Niveau des Jahres 2025 bis zum Jahr 2030 um kumuliert 2,8 Prozent wachsen. Bis 2035 (2040) sind es 4,8 Prozent (7,9 Prozent). Beträgt die Rate des TFP-Wachstums hingegen 1,5 Prozent, liegt das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2040 um 25,2 Prozent über dem heutigen Niveau.

Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner entwickelt sich in diesen Zeiträumen schwächer als das Bruttoinlandsprodukt insgesamt, da die Bevölkerung noch bis Anfang der 2030er Jahre zunimmt. Im Niveau zeigt sich der Wachstumseffekt einer um einen Prozentpunkt höheren jährlichen TFP-Rate binnen 15 Jahren in einer Differenz der pro Kopf erbrachten Wirtschaftsleistung von über 9.000 Euro.

Vom Ausmaß her geringer, aber im Vergleich der Szenarien immer noch beträchtlich, fallen die Nettolohneffekte aus. Zwar wachsen die Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmer stärker als das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, da die Arbeitsproduktivität zwischenzeitlich von einem demografisch bedingten Anstieg der Kapitalintensität profitiert. Bei den Beschäftigten kommt netto allerdings weitaus weniger an, da die Beiträge zu den Sozialversicherungen deutlich steigen. Im Ergebnis liegt bei einem jährlichen TFP-Wachstum von 0,5 Prozent das Nettolohneinkommen je Arbeitnehmer im Jahr 2030 nur 0,7 Prozent beziehungsweise 235 Euro höher als 2025. Bei einer TFP-Wachstumsrate von 1,5 Prozent beträgt das Jahresplus hingegen 5,8 Prozent beziehungsweise 1976 Euro. Bis zum Jahr 2040 schwillt die Differenz zwischen beiden Szenarien von 1.741 Euro auf 5.670 Euro an. Dies entspricht gegenwärtig etwa zwei durchschnittlichen Monatsgehältern, die sich binnen 15 Jahren zusätzlich verdienen ließen.

Eine auf standortstärkende Reformen gerichtete Wirtschaftspolitik kann sich somit für alle Beteiligten auszahlen. Nicht zuletzt würden dadurch Verteilungskonflikte entschärft, die nicht nur gesamtwirtschaftlich lähmend wirken, sondern auch den sozialen Frieden belasten.

Stefan Kooths ist Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft. Der Text fasst wichtige Ergebnisse des ersten Teils der Studie „Wachstumseffekte und Wachstumshebel“ zusammen, die am Kiel Institut im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt wurde. Dort zeigen die Autoren in einem zweiten Teil auf, über welche wirtschaftspolitischen Instrumente sich bedeutende Potenzialreserven heben lassen.